🔎 Spurensuche: Wer erfand den Kappzaum?
Die Spurensuche geht weiter – vom capistrum zum cabeção – Plötzlich verschob sich der Schwerpunkt meiner Recherche. Nicht mehr die Pilare standen im Mittelpunkt. Sondern der Cabeção – der Kappzaum, der im Französischen Caveçon genannt wird.
🔎 SPURENSUCHE
Agnes
8/12/20264 min lesen


Bei meiner Recherche zur Pilararbeit (lies HIER den ersten Teil dieses Textes) blieb eine Frage offen. Eigentlich behauptet das berühmte Zitat, das Manuel Carlos de Andrade Dom Duarte zuschreibt, gar nicht, der portugiesische König habe die Pilarenarbeit erfunden.
Dort heißt es lediglich: ...com o cabeção que inventei... (...mit dem Kappzaum, den ich erfunden habe...)
Dadurch verschob sich der Schwerpunkt meiner Recherche. Nicht mehr die Pilare standen im Mittelpunkt. Sondern der Cabeção – der portugiesische Kappzaum. Konnte Dom Duarte tatsächlich dessen Erfinder gewesen sein?
Ein erstaunlich alter Begriff
Tatsächlich war schnell klar, dass Kopfstücke zur Ausbildung von Pferden sehr viel älter sein mussten als das 15. Jahrhundert. Bereits im klassischen Latein bezeichnet capistrum ein Halfter oder Kopfstück zum Führen und Festhalten von Tieren. Das italienische capestro und die cavezza werden von der italienischen Enzyklopädie Treccani ausdrücklich auf diesen Begriff zurückgeführt.
Natürlich handelte es sich dabei noch nicht um den Kappzaum wie er später im Barock verwendet wurde. Doch der Gedanke, Pferde über den Nasenrücken zu kontrollieren, war offensichtlich keineswegs neu.
Facere ad capistrum
Besonders spannende Ergebnisse erhielt ich bei der Suche in englischen Verwaltungsquellen des 13. und frühen 14. Jahrhunderts. Dort begegnete mir mehrfach die Wendung facere ad capistrum. Lange übersetzte man diesen Ausdruck recht schlicht mit „halfterführig machen“. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass damit wesentlich mehr gemeint war. Der Begriff bezeichnete offenbar die grundlegende Ausbildung eines jungen Pferdes, bevor dieses regulär geritten wurde. Dazu gehörte die Arbeit mit verschiedenen Ausbildungsgeräten am Kopf.
Die Studie, auf die ich dabei stieß, verweist ausdrücklich auf die Ausbildungsmethoden von Jordanus Rufus und Laurentius Rusius (Lorenzo Rusio). Bereits im 13. Jahrhundert scheint also eine etablierte Ausbildungstradition bestanden zu haben, die unter dem Begriff capistrum lief. Das bedeutet keineswegs, dass Jordanus Rufus bereits den Kappzaum, so wie wir ihn heute kennen, verwendete. Es zeigt jedoch, dass die Ausbildung an einem Kopfstück viele Jahrhunderte älter ist als Dom Duarte.
Der portugiesische Cabresto
Auch in Portugal führt die Spur weiter zurück. 1318 beschreibt der Tierarzt Mestre Giraldo in seinem Livro de Alveitaria ausführlich den Cabresto. Zunächst schien dies ein vielversprechender Hinweis zu sein. Vielleicht handelte es sich bereits um einen frühen Kappzaum? Ein Blick in den Originaltext ließ jedoch ein anderes Bild entstehen.
Giraldo beschreibt den Cabresto als ein gut sitzendes Kopfstück aus kräftigem, aber weichem Leder. Es besitzt Riemen zum Anbinden des Pferdes und soll – besonders bei jungen Tieren – mit weichen Wollstricken verwendet werden, um Verletzungen zu vermeiden. Aus dem gesamten Zusammenhang ergibt sich, dass Giraldo über das sichere Festhalten und Anbinden des Pferdes schreibt. Von einer systematischen Ausbildung oder gar von Handarbeit ist dagegen keine Rede.
Der Cabresto ist deshalb nach heutigem Kenntnisstand kein Beleg für einen eigentlichen Kappzaum. Er zeigt jedoch, dass ähnliche Kopfstücke in Portugal bereits mehr als hundert Jahre vor Dom Duarte bekannt waren.
Eine überraschende Lücke
Nun erwartete ich, in den portugiesischen Quellen des 15. Jahrhunderts auf weitere Hinweise zu stoßen. Doch genau das geschah nicht. Weder im Livro da Montaria von König João I. noch in den Chroniken Fernão Lopes' oder Gomes Eanes de Zuraras ließ sich bislang ein eindeutiger Hinweis auf den Cabeção als Ausbildungsgerät finden.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es ihn damals nicht gab. Es zeigt lediglich, dass sich seine Verwendung aus den bislang bekannten Quellen nicht belegen lässt.
Der erste sichere portugiesische Nachweis
Die erste sichere Quelle finde ich schließlich im 17. Jahrhundert: Der portugiesische Arzt Duarte Madeira Arrais, der um 1600 geboren wurde und 1652 starb, verfasste ein handschriftliches Reitmanuskript. Bereits das vierte Kapitel trägt den Titel:
Do modo como se devem prender as rédeas no cabeção.
(Wie die Zügel am Cabeção befestigt werden sollen.)
Damit liegt erstmals ein eindeutiger portugiesischer Nachweis vor, dass der Cabeção als Ausbildungsmittel verwendet wurde. Der Begriff bezeichnet hier nicht mehr lediglich ein Halfter oder Führkopfstück, sondern ein Instrument der systematischen Pferdeausbildung. Nur wenige Jahrzehnte später beschreibt António Galvão de Andrade den Unterschied zwischen Cabresto und Cabeção noch deutlicher.
Während der Cabresto vor allem zum Festhalten oder Niederlegen des Pferdes dient, gehört der Cabeção bereits selbstverständlich zur Ausbildung. Spätestens im 17. Jahrhundert ist der Kappzaum in Portugal also fest etabliert.
Und was sagen die großen Reitmeister?
Auch die bedeutenden Reitmeister der Renaissance und des Barock behandeln das Caveçon längst als bekanntes Ausbildungsgerät. Antoine de Pluvinel beschreibt ausführlich seinen Caveçon de corde – einen Seilkappzaum, den er ausdrücklich als eigene Entwicklung bezeichnet. William Cavendish, Duke of Newcastle, erklärt wiederum seine besondere Art, die Kappzaumzügel zu verschnallen und bei der Arbeit am einzelnen Pilar einzusetzen. Beide reklamieren Verbesserungen und Weiterentwicklungen hervorgebracht zu haben. Keiner von ihnen beansprucht jedoch, den Kappzaum selbst erfunden zu haben.
Doch kann es tatsächlich sein, dass Dom Duarte die Erfindung des gesamten Cabeção zuzuschreiben ist?
Eine Spur – aber keine Lösung
Die Recherche zeichnet letztlich ein erstaunlich klares Bild. Kopfstücke zur Ausbildung von Pferden lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Ihre Bauform verändert sich im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie ihre Verwendung. Vom capistrum über den portugiesischen Cabresto bis hin zum Cabeção lässt sich eine Entwicklung erkennen, die sich jedoch bislang nicht auf einen einzelnen Erfinder zurückführen lässt.
Gerade deshalb bleibt das berühmte Andrade-Zitat erklärungsbedürftig. Woher stammt die Formulierung com o cabeção que inventei? Handelt es sich um ein Zitat aus einer heute verlorenen Handschrift Dom Duartes? Um eine freie Wiedergabe? Oder vielleicht um eine Verwechslung verschiedener Quellen?
Diese Fragen führen zu einer letzten, noch ungelösten Spur – der rätselhaften Arte da Cavallaria, die Manuel Carlos de Andrade als Quelle angibt.
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Georg Simon Winter, Bellerophon (1678), Cavezon Nr. CIX bis CXIII
Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ausführlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.


