🔎 Spurensuche: Wer erfand die Pilare?
Eine historischer Spurensuche-Krimi in drei Teilen zwischen Dom Duarte, Pluvinel und einer rätselhaften Quelle
🔎 SPURENSUCHE
Agnes
8/10/20267 min lesen


Manchmal beginnt eine Recherche mit einem einzigen Satz. In meinem Fall stand er im Vorwort von Sylvia Loch zu Arbeit an der Hand – Klassische Lektionen von Ellen Schuthof-Lesmeister und Kip Mistral. Dort schreibt Sylvia Loch Dom Duarte die Erfindung der Arbeit an der Hand und zwischen den Pilaren zu. Als ich das las, war ich erst mal überrascht, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela bereits mehrfach vollständig gelesen. Eine solche Passage war mir nicht in Erinnerung geblieben. Also schlug ich das Werk erneut auf. Wo könnte diese Annahme herrühren? Doch ich konnte keine Erklärung dafür finden.
War mir etwas entgangen? Oder stimmte diese Zuschreibung möglicherweise gar nicht? Ich begann zu überlegen und zu recherchieren. Je tiefer ich mich in die Materie einarbeitete, desto spannender wurde die Geschichte. Denn die dieser Annahme zugrundeliegende Quelle stammte nicht von irgendwem. Und die Detektivarbeit, die ich nun begann, hatten vor mir offenbar schon weit größere Experten auf dem Gebiet der portugiesischen Reitkunst ebenfalls durchgeführt.
Das Zitat
Wenn ich sage, dass der Ursprung der Annahme nicht zu irgendwem zurĂĽck fĂĽhrt, dann meine ich genau das: Es war Manuel Carlos de Andrade, der SchĂĽler des Marques de Marialva, der in seinem 1790 erschienenen Werk Dom Duarte mit den Worten zitiert:
„He bom metter os cavallos entre os Pilões com o cabeção que inventei, as primeiras vezes sem sella, e muito brandamente fazellos mover para hum, e outro lado, a fim de que se suavisem dos movimentos das ancas, pondo-se bem sobre ellas, para que soffrão os castigos, e deixem conhecer bem qual he a sua mais natural propensão, …“ („Es ist gut, die Pferde zwischen die Pilare zu stellen, mit dem Caveçon, den ich erfunden habe, zunächst ohne Sattel, und sie ganz sanft nach der einen und dann nach der anderen Seite zu bewegen, damit die Bewegungen der Hüften (Hinterhand) geschmeidig werden. Dabei sollen sie sich gut auf ihre Hinterhand setzen, um die Hilfen anzunehmen und ihre natürliche Veranlagung deutlich erkennen zu lassen …“) Als Quelle nennt er Dom Duarte Buch „Arte da Cavallaria“, Seite 179.
Auf den ersten Blick scheint die Sache eindeutig. Doch genau an dieser Stelle beginnen die Probleme. Das heute bekannte Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela enthält diese Passage nicht. Auch in erhaltenen Handschriften findet sich bislang kein entsprechender Text. Und – es gibt kein Buch von Dom Duarte, das sich Arte da Cavallaria nennt.
Der erste Zweifel
Mit dieser Beobachtung bin ich keineswegs allein. Der britische Historiker Jeffrey Forgeng, Herausgeber der englischen Übersetzung von Dom Duartes Reitbuch, weist ausdrücklich darauf hin, dass sich das häufig zitierte Zitat in der erhaltenen Handschrift nicht nachweisen lässt. Er hält es deshalb für möglich, dass de Andrade entweder eine heute verlorene Vorlage benutzte oder eine andere Quelle mit Dom Duarte in Verbindung brachte.
Das Problem war also bereits anderen Forschern aufgefallen. Doch welche Quelle hatte de Andrade tatsächlich vor sich?
Carlos Pereira folgt derselben Spur
Auf der Suche nach einer Antwort suchte ich auch Hilfe in den Büchern des portugiesischen Hippologen Carlos Pereira, der sich in mehreren Veröffentlichungen intensiv mit Dom Duarte beschäftigt hat. Besonders in Naissance et Renaissance de l'Équitation Portugaise verfolgt er genau diese Spur.
Pereira untersucht nicht nur Dom Duartes Werk selbst, sondern auch dessen philosophische, religiöse und hippologische Quellen. Er rekonstruiert die Überlieferungsgeschichte des Manuskripts und stößt dabei ebenfalls auf de Andrades rätselhaften Hinweis auf eine Arte da Cavallaria.
Zunächst zieht Pereira durchaus die Möglichkeit in Betracht, de Andrade könne eine vollständigere Handschrift besessen haben als jene, die heute erhalten ist. Doch am Ende seiner Untersuchung muss auch er feststellen, dass sich ein solches Exemplar bislang nicht nachweisen lässt. Die von de Andrade genannte Quelle bleibt für ihn ein ungelöstes Rätsel.
Bemerkenswert ist dabei noch etwas anderes. Pereira widmet viele Seiten den möglichen Einflüssen auf Dom Duarte – von Aristoteles über Thomas von Aquin bis zu arabisch-andalusischen Traditionen. Wäre Dom Duarte tatsächlich der Erfinder der Pilararbeit gewesen, hätte dies hervorragend in diese Untersuchung gepasst. Dennoch erwähnt Pereira einen solchen Anspruch an keiner Stelle.
Irgendetwas passt nicht
Und bei meiner Recherche fällt mir noch etwas auf. Selbst wenn man den fehlenden Quellennachweis einmal außer Acht lässt, wirkt der berühmte Satz sprachlich in Verbindung mit Dom Duarte überraschend fremd. Der König schreibt in dem bekannten Werk über weite Strecken ausgesprochen bescheiden. Immer wieder betont er, nur das weitergeben zu wollen, was er selbst erfahren habe. Er verweist auf andere Autoren, nennt die Grenzen seines Wissens und wägt verschiedene Möglichkeiten sorgfältig gegeneinander ab.
Die angeblich von ihm stammende Passage klingt dagegen völlig anders. Es ist zwar darin nicht zu lesen, dass sich der Verfasser die Erfindung der Pilaren zuschreibt, aber er präsentiert sich als Erfinder des Cabeção - also des Caveçons oder Kappzaums. Gerade diese doch sehr selbstbewusste Haltung erinnert mich persönlich ja eher an manche Autoren der Renaissance und des Barock – insbesondere an den Duktus des Herzogs von Newcastle – als an den reflektierten und bescheidenen portugiesischen König des frühen 15. Jahrhunderts. Natürlich ist dies kein Beweis. Aber es ist für mich ein weiterer Mosaikstein, der den Zweifel aufrecht erhält.
Wikimedia/ Luz da Liberal e Nobre Arte da Cavallaria, Estampa LV, Seite 349


FĂĽhrt die Spur nach Italien?
Damit stellte sich eine neue Frage. Wenn das Zitat Dom Duarte nicht eindeutig zuzuordnen ist – wo gibt es sonst die ersten Hinweise auf die Arbeit mit Pilaren? Die meisten Darstellungen nennen sofort Antoine de Pluvinel. Tatsächlich beschreibt Pluvinel die Arbeit zwischen zwei Pilaren ausführlich und systematisch. Seine Methode ist klar strukturiert und wurde in ganz Europa bekannt.
Doch auch Italien beansprucht eine frĂĽhe Tradition. Immer wieder wird Giovanni Battista Pignatelli als eigentlicher Ursprung genannt. Schaut man jedoch in Salvatore d'Aquinos Darstellung, zeigt sich ein differenzierteres Bild. D'Aquino schreibt nicht, Pignatelli habe die Pilare erfunden. Vielmehr berichtet er, dass Pignatelli einen Baum im Hof als festen Punkt fĂĽr die Ausbildung der Pferde nutzte.
"...Giouan Battista Pignatello nostro Gentil'huomo Napolitano, uno dei primi huomini del suo tempo in questo essercitio, quando si sentia, che non poteua piu caualcare, daua le attioni in casa sua in un luogo di couerto, doue era piantato un arbore, del quale seruiua alle volte con alcuni Caualli di mala volontà , dall'istesso modo quando un'huomo stà in terra in mezzo della volta, e tiene la corda del capezzone in mano…" („Giovan Battista Pignatelli, unser neapolitanischer Edelmann und einer der bedeutendsten Reitmeister seiner Zeit, ließ, als er selbst nicht mehr reiten konnte, in seinem Haus an einem überdachten Ort arbeiten, wo ein Baum gepflanzt war. Diesen benutzte er bisweilen bei einigen widersetzlichen Pferden, und zwar auf dieselbe Weise, wie ein Mensch in der Mitte einer Volte auf dem Boden steht und die Longe des Caveçons in der Hand hält.“)
Das ist ein erheblicher Unterschied. Weiter schreibt er, dass zu jener Zeit Monsieur de la Broue und Monsieur de Pluvinel, beide französische Edelleute, Pignatellis Schüler waren und nachdem sie nach Frankreich zurückgekehrt und zu angesehenen Reitmeistern geworden waren, einen runden, etwa mannshohen Pfahl in den Boden setzen ließen. Später, dass sie zwei Pilare einführten. Während Pignatelli den Baum noch bei widersetzlichen Pferden nutzte, verwendeten die Franzosen den Pfahl bei allen Pferden, passten aber die Art der Anwendung deren Natur an. D´Aquino beschreibt also eine nachvollziehbare Entwicklung vom Baum bis hin zur Arbeit in zwei Pilaren.


Wikimedia/Aus Instruction du Roy, 1625
FĂĽhrt die Spur jetzt nach Frankreich?
Je intensiver ich die einschlägigen Quellen vergleiche, desto mehr drängte sich mir die Frage auf, ob die von de Andrade überlieferte Formulierung möglicherweise sprachlich näher an Pluvinel steht, als an einem verlorenen Werk Dom Duartes.
In L'Instruction du Roy finden sich zwar keine Sätze, die dem Andrade-Zitat wörtlich entsprechen. Pluvinel beschreibt jedoch in mehreren aufeinanderfolgenden Passagen genau jene Elemente, die Andrade in einem einzigen Satz vereint: die ersten Lektionen eines jungen Pferdes, den von ihm entwickelten caveçon de corde („Kappzaum aus Seil, meiner Erfindung“), die Ausbildung zunächst am einzelnen und anschließend zwischen zwei Pilaren sowie die Arbeit mit den Stricken des Caveçons. Die Kombination dieser Motive erinnert auffallend an de Andrades Satz: „Es ist gut, die Pferde zwischen die Pilare zu stellen, mit dem Cabeção, den ich erfunden habe, die ersten Male ohne Sattel.“
Ein Beleg dafür, dass de Andrade sich auf Pluvinel stützte, existiert nicht. Ebenso wenig lässt sich ausschließen, dass er tatsächlich aus einer heute verlorenen portugiesischen Quelle zitierte. Dennoch ist die Parallele bemerkenswert: Während Pluvinel seine Neuerungen auf verschiedene Textstellen verteilt und ausdrücklich nur den Seilkappzaum als eigene Entwicklung bezeichnet, enthält de Andrades Zitat Pilare, Cabeção und Erfindungsanspruch in einem einzigen Satz. Ob dies auf eine verlorene Quelle, eine freie Wiedergabe oder eine unbewusste Annäherung an die pluvinelsche Terminologie zurückgeht, muss offenbleiben.
Und was ist mit Newcastle?
Doch noch gebe ich nicht auf. Oben hatte ich ja schon erwähnt, dass mich der selbstbewusste Duktus des Zitats an William Cavendish, den Duke of Newcastle erinnert. Newcastle war keineswegs bescheiden: Schon der Titel seines 1667 erschienenen Werkes kündigte eine „neue Methode und außerordentliche Erfindung“ an, die vor ihm niemand entdeckt habe. Er ließ sich inmitten von Pferden zeichnen, die ihn als Meister huldigen. Doch eine wörtliche Übereinstimmung mit de Andrades Zitat finde ich hier leider auch nicht. Er gibt an, besonders wichtige Neuerungen vorgenommen zu haben – sowohl am Kappzaum als auch bei der Pilarenarbeit, doch er beansprucht keine Erfindung für sich.
Mir kommt noch eine Idee: Im Zitat ist ja gar nicht die Rede davon, dass der Autor die Pilarenarbeit erfunden hätte, sondern lediglich vom cabeção que inventei – also dem „Kappzaum, den ich erfunden habe“.
Das macht das Ganze übrigens noch viel rätselhafter, denn Kappzäume gibt es vermutlich schon seit der Antike. Wenn das Zitat überhaupt einen historischen Kern besitzt, müsste er also nicht bei den Pilaren, sondern beim Kappzaum liegen. Was Dom Duarte unter einem cabeção verstand, welche Vorläufer es gab und was daran möglicherweise neu gewesen sein könnte, schauen wir uns deshalb im nächsten Teil genauer an. Lies HIER weiter (ab Mittwoch, den 12.08.).
Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ausführlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.


