🔎 Spurensuche: Die rätselhafte Arte da Cavallaria

Hat Manuel Carlos de Andrade aus einem verlorenen Werk Dom Duartes zitiert? - Manuel Carlos de Andrade behauptet 1790, ein Reitbuch Dom Duartes mit dem Titel Arte da Cavallaria zu kennen. Doch ein Werk dieses Namens ist heute nicht nachweisbar. Meinte er das Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela, kannte er eine andere Quelle – oder entstand hier ein Irrtum, der später immer weitergetragen wurde?

🔎 SPURENSUCHE

8/14/20264 min lesen

Nach meinen bisherigen Recherchen (lies hier TEIL 1 und TEIL 2) bleibt am Ende immer noch die Frage: Wenn sich weder die Pilararbeit noch der angebliche Erfindungsanspruch für den Kappzaum in Dom Duartes erhaltenem Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela nachweisen lassen – woher stammt dann das berühmte Zitat überhaupt? Manuel Carlos de Andrade nennt seine Quelle ausdrücklich: Dom Duarte, Arte da Cavallaria, Seite 179. Ganz konkret schreibt er:

Ich bevorzuge die Methode, Pferde zwischen die Pilaren zu stellen, die König Dom Duarte, genannt der Eloquente, in seiner Arte da Cavallaria auf Seite 179 beschreibt. Er sagt: „Es ist gut, die Pferde bei den ersten Malen ohne Sattel zwischen die Pilaren zu stellen, mit dem Kappzaum, den ich erfunden habe, und sie sehr behutsam zur einen wie zur anderen Seite bewegen zu lassen. Dadurch sollen die Bewegungen ihrer Hinterhand geschmeidiger werden und sie sich gut auf diese setzen, damit sie die Korrekturen ertragen und deutlich erkennen lassen, wozu sie von Natur aus am meisten neigen, und so weiter.“

Auf den ersten Blick wirkt diese Angabe präzise. Sie nennt einen Autor, einen Werktitel und sogar eine Seitenzahl. Eigentlich müsste sich die Quelle problemlos überprüfen lassen. Doch genau das ist bis heute nicht gelungen.

Ein Buch, das niemand kennt

Das Buch Dom Duartes, das sich mit dem Reiten beschäftigt, trägt den Titel Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela. Ein Werk mit dem Titel Arte da Cavallaria ist von ihm dagegen nicht bekannt. Mehr noch: Das Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela ist offenbar unvollenet geblieben. In ihm schreibt der Autor von anderen Kapiteln,die geplant sind. Hat er stattdessen ein neues Werk angefangen? Auch die erhaltenen Handschriften liefern keinen Hinweis auf ein solches Buch. Ebenso wenig enthält das Livro da Ensinança die von de Andrade zitierte Passage: ...com o cabeção que inventei... Damit stellt sich zwangsläufig die Frage: Was hatte Manuel Carlos de Andrade tatsächlich vor sich?

Jeffrey Forgeng: Eine verlorene Handschrift?

Der britische Historiker Jeffrey Forgeng, Herausgeber der englischen Übersetzung des Livro da Ensinança, weist ausdrücklich darauf hin, dass sich das häufig zitierte Fragment in der erhaltenen Handschrift nicht nachweisen lässt. Als Erklärung hält er mehrere Möglichkeiten für denkbar. Vielleicht benutzte Manuel Carlos de Andrade eine Handschrift, die heute verloren ist. Ebenso wäre denkbar, dass ihm eine andere Quelle vorlag, die er Dom Duarte zuschrieb. Belegen lässt sich bislang keine dieser Möglichkeiten. Forgeng zieht deshalb keine voreiligen Schlüsse und lässt die Frage bewusst offen.

Carlos Pereira: Das ungelöste Rätsel

Zu demselben Ergebnis gelangt auch der portugiesische Hippologe Carlos Pereira. In Naissance et Renaissance de l'Équitation Portugaise untersucht er ausführlich die Überlieferung von Dom Duartes Reitbuch und geht dabei ebenfalls auf das rätselhafte Zitat Manuel Carlos de Andrades ein.

Auch Pereira erwägt zunächst, Andrade könne Zugang zu einer vollständigeren Handschrift gehabt haben. Am Ende seiner Untersuchung muss er feststellen, dass sich eine solche Vorlage bislang nicht nachweisen lässt. Bemerkenswert ist dabei: Pereira untersucht Dom Duarte mit großer Sorgfalt. Er rekonstruiert dessen philosophische und hippologische Quellen, vergleicht verschiedene Handschriften und ordnet das Werk in seine Zeit ein. Hätte Dom Duarte tatsächlich die Pilarenarbeit oder gar den Kappzaum erfunden, wäre dies wohl einer der bedeutendsten Befunde seiner Untersuchung gewesen.

Eine verlorene Quelle?

Bleibt also die Möglichkeit, dass Manuel Carlos de Andrade tatsächlich aus einer heute verlorenen Handschrift zitierte. Auszuschließen ist das nicht. Die Überlieferung mittelalterlicher Texte ist selten vollständig. Handschriften gingen verloren, wurden beschädigt oder blieben über Jahrhunderte unbeachtet in Archiven liegen. Immer wieder sind in der Vergangenheit bislang unbekannte Quellen wiederentdeckt worden. Doch historische Forschung arbeitet nicht mit Möglichkeiten, sondern mit Belegen. Solange eine solche Handschrift nicht gefunden wird, bleibt ihre Existenz eine Hypothese.

Ebenso denkbar wäre eine andere Erklärung. Vielleicht zitierte Andrade aus einem Werk, das nicht von Dom Duarte stammte. Vielleicht lag bereits im 18. Jahrhundert eine Verwechslung verschiedener Reitbücher ähnlichen Titels vor. Vielleicht handelt es sich auch um eine freie Wiedergabe älterer Überlieferungen. Für keine dieser Möglichkeiten gibt es derzeit ausreichende Beweise.

Was bleibt?

Die eigentliche Überraschung meiner Recherche besteht deshalb nicht darin, dass Dom Duarte die Pilararbeit oder den Kappzaum nachweislich nicht erfunden hätte. Eine solche Aussage wäre ebenso unbegründet wie die gegenteilige Behauptung. Die Überraschung liegt vielmehr darin, wie häufig eine Aussage als historische Tatsache wiederholt wird, obwohl ihre Quelle bis heute ungeklärt ist.

Vielleicht taucht eines Tages tatsächlich eine Handschrift auf, die Manuel Carlos de Andrades Angabe bestätigt. Vielleicht bleibt die rätselhafte Arte da Cavallaria für immer verschollen. Bis dahin sollte die berühmte Zuschreibung jedoch mit der nötigen wissenschaftlichen Vorsicht behandelt werden.

Denn die Geschichte der Reitkunst wird dadurch nicht ärmer – im Gegenteil. Gerade die Suche nach ihren Quellen zeigt, wie Wissen über Jahrhunderte weitergegeben, verändert, ergänzt und manchmal auch ausgeschmückt wurde. Hinter einer einzigen oft zitierten Behauptung kann sich eine erstaunlich komplexe Überlieferungsgeschichte verbergen.

„Die Methoden der Handarbeit sind in der Geschichte verankert. Die erste Erwähnung dieser Arbeit als ernsthafte Kunst erscheint 1434 in dem Buch Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela von Dom Duarte von Portugal. Als erster der alten Meister führte er die Pilaren ein, behandelte Pferde mit Respekt und Güte und nahm sich ausreichend Zeit für jedes Stadium ihrer Ausbildung.“

Diese Zeilen waren der Ausgangspunkt meiner Spurensuche. Vielleicht verfügte ihre Autorin über Quellen, die mir nicht zugänglich sind. Möglicherweise stützte sie sich auf Manoel Carlos de Andrade, der 1790 ein Werk Dom Duartes mit dem Titel Arte da Cavallaria erwähnte. Ob er damit das heute bekannte Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela meinte, eine andere Quelle kannte oder selbst einer Verwechslung folgte, lässt sich bislang nicht klären.

Meine Recherche sollte nicht beweisen, dass Dom Duarte die Pilarenarbeit oder den Kappzaum nicht erfunden hat. Ich wollte wissen, worauf sich diese Behauptungen stützen. Einen nachprüfbaren Beleg habe ich weder in seinem Reitbuch noch in den späteren Quellen gefunden.

Dom Duarte braucht diese Erfindungen allerdings auch nicht, um einen besonderen Platz in der Geschichte der Reiterei einzunehmen. Was er nachweislich ĂĽber Angst, Willen, Wissen, Sitz und die Verantwortung des Reiters schrieb, ist bemerkenswert genug.

Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ebenfalls von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und vielen weiteren Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.