🏛 Vor Ort: Ponte de Lima – wo Reitkultur auf den grĂŒnen Norden Portugals trifft

Ponte de Lima ĂŒberrascht mit Lusitanos, Garranos, Pferdesport und ursprĂŒnglicher Landschaft. Ein Streifzug durch die Pferdekultur im grĂŒnen Norden Portugals.

🏛 VOR ORT

Agnes

9/14/20268 min lesen

Wer beim Lusitano an Portugal denkt, landet gedanklich meist ziemlich schnell im Ribatejo oder Alentejo. In GolegĂŁ natĂŒrlich. Vielleicht in Alter do ChĂŁo, der Hofreitschule in BelĂ©m oder bei einem der großen GestĂŒte rund um Lissabon und SantarĂ©m.

Und der Norden?
Der wird erstaunlich oft ĂŒbersehen. Dabei lohnt es sich, von Porto aus in Richtung Spanien zu fahren. Nach Norden wird Portugal grĂŒner, bergiger und stellenweise beinahe wild. Weinberge ziehen sich ĂŒber die HĂ€nge, alte HerrenhĂ€user liegen zwischen GĂ€rten und WĂ€ldern, und irgendwann taucht etwa 40 km vor der spanischen Grenze zwischen all dem GrĂŒn eine kleine Stadt am Lima auf, die auf den ersten Blick eher nach mittelalterlichem Portugal als nach Pferdemetropole aussieht.
Und tatsĂ€chlich gibt es in der portugiesischen Lusitano-Szene Stimmen, die sind davon ĂŒberzeugt, dass der Norden mit dem Lusitano so viel zu tun hat wie eine Kuh mit dem Schlittschuhfahren. Das wird dann auch immer wieder gerne betont. Doch stimmt das denn?

Historisch gesehen

Ein zweites GolegĂŁ war Ponte de Lima nie. Und wer in alten Quellen nach den großen GestĂŒten des Lusitanos sucht, wird im Ribatejo und Alentejo deutlich schneller fĂŒndig als hier oben im Minho. Pferdelos war der Norden Portugals deshalb aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Er besitzt seine ganz eigene Pferdegeschichte.
Ponte de Lima ist Ă€lter als Portugal selbst. Bereits 1125 erhielt der Ort von D. Teresa sein Stadtrecht, und schon damals gehörte eine Feira zum Leben der jungen Vila (Kleinstadt). Handel, Landwirtschaft und Viehzucht prĂ€gten die Region ĂŒber Jahrhunderte – und Pferde gehörten dazu.
Nur waren es zunÀchst nicht unbedingt die Pferde, an die wir heute denken, wenn wir von portugiesischer Reitkultur sprechen. Im bergigen Minho ist vor allem der Garrano zu Hause, eine kleine, robuste Pferderasse, deren Geschichte eng mit dem Norden Portugals verbunden ist. Bei den Feiras Novas in Ponte de Lima gehören Garranos bis heute zum traditionellen Bild. Hier wurde mit Pferden gehandelt, und auch die Corridas de Garranos sind Teil der regionalen Tradition. Bei diesen Rennen treten die kleinen nordportugiesischen Pferde im sogenannten passo travado gegeneinander an, einer schnellen Viertaktgangart.
Wer nach einer vergleichbaren historischen Tradition der Lusitanozucht sucht, wie sie weiter sĂŒdlich zu finden ist, wird im Minho dagegen nicht so schnell fĂŒndig. Der Lusitano traf hier jedoch keineswegs auf eine Region ohne Pferdetradition, sondern auf eine eigene, ĂŒber Jahrhunderte gewachsene Pferdekultur.

Der Lusitano ist lÀngst im Norden angekommen

Dass der Lusitano heute auch im Minho seinen festen Platz hat, ist nicht zuletzt Menschen wie Filipe Pimenta zu verdanken. Anfang der 2000er-Jahre entstand unter seiner Leitung das Centro Equestre Vale do Lima, wenige Minuten außerhalb des historischen Zentrums von Ponte de Lima.
Was damals mit der Idee begann, dem Lusitano auch im Norden Portugals einen angemessenen Platz zu geben, ist inzwischen eine Anlage mit rund zehn Hektar, 45 Boxen, Reithallen und AußenplĂ€tzen.
Noch wichtiger ist aber vielleicht, was daraus fĂŒr die Region entstanden ist.
Denn wer heute in und um Ponte de Lima nach Lusitanos sucht, stĂ¶ĂŸt auf eine Pferdeszene, die deutlich grĂ¶ĂŸer ist, als man zunĂ€chst vermuten wĂŒrde. LĂ€ngst wird der Lusitano auch hier gezĂŒchtet. Bei der Feira do Cavalo de Ponte de Lima 2026 wurde mit der Coudelaria Rio Lima erstmals eine Coudelaria aus der Gemeinde selbst als bester ZĂŒchter im Wettbewerb fĂŒr Puro-Sangue Lusitanos ausgezeichnet. Und auch andernorts im Minho finden sich LusitanozĂŒchter: Domingos Agostinho Correia Sousa Matias aus Roriz bei Barcelos sowie Afonso de Serra Neves und Manuel Maia Correia aus Trofa.
Ponte de Lima mag also nicht auf der klassischen Landkarte der großen portugiesischen Lusitano-Regionen liegen. Auf der heutigen gehört die Stadt lĂ€ngst dazu.

Pferdeland trifft Kulturlandschaft

Zudem gilt Ponte de Lima als eine der Ă€ltesten – hĂ€ufig sogar als die Ă€lteste – Vilas (KleinstĂ€dte) Portugals. Über den Lima fĂŒhrt eine BrĂŒcke, deren Ă€lteste Teile auf die Römerzeit zurĂŒckgehen. Die historische Altstadt lĂ€sst sich wunderbar zu Fuß erkunden. Nördlich von Ponte de Lima liegt eine Region, die durch zwei FlusslĂ€ufe geprĂ€gt ist – den Lima und den Minho.
Diese Kulturlandschaft hat mit dem trockeneren Portugal, das viele Reisende aus dem Ribatejo oder Alentejo kennen, wenig gemeinsam.
Hier wachsen Vinho Verde und GemĂŒse zwischen Schiefermauern, HerrenhĂ€user liegen inmitten uralter Korkeichen, die hier nicht geschĂ€lt werden, und im Hintergrund steigen die Berge auf.
Weiter in Richtung KĂŒste erreicht man Viana do Castelo. Wer Richtung Osten fĂ€hrt, kommt in die Landschaft des Peneda-GerĂȘs. Und wer sich in die Serra d’Arga wagt, landet irgendwann mitten in einer Landschaft, in der Pferde tatsĂ€chlich noch Teil eines weitgehend ursprĂŒnglichen Ökosystems sind.
Noch einmal eine ganz andere Seite der Region zeigt sich in einem kleinen Bergdorf in der Serra d’Arga. Hier arbeitet Filipe Pimenta derzeit an einem neuen Projekt rund ums Pferd. StĂŒck fĂŒr StĂŒck wird das Dorf neu gestaltet – und zum Ausgangspunkt fĂŒr Ritte durch eine der ursprĂŒnglichsten Landschaften des Alto Minho.
Die Pferde dafĂŒr leben ganzjĂ€hrig draußen. Die meisten von ihnen sind Lusitanos, trittsicher und an das Leben in den Bergen gewöhnt. Von dem kleinen Bergdorf fĂŒhren alte Wege hinauf in die Serra, durch WĂ€lder und ĂŒber offene Höhen. Dabei folgt man stellenweise historischen Pfaden und alten römischen Wegverbindungen, passiert historische BrĂŒcken, steile HĂ€nge, WasserfĂ€lle und alte GemĂ€uer und erlebt eine Landschaft, in der die Pferde eine ganz andere Rolle spielen als unten im Centro Equestre.
Möglich sind Trails von einer Stunde bis hin zu Tagesritten mit Picknick. Entspannt wird anschließend im Infinity-Pool am Steilhang oder im Jacuzzi – beides mit atemberaubendem Blick weit ĂŒber die Landschaft des Alto Minho. Und auch der Nationalpark Peneda-GerĂȘs ist von hier aus mit dem Auto schnell erreicht.
FĂŒr kulinarische Hochmomente sorgt die „Benda“, ein kleines Restaurant im Dorf, das Petiscos serviert und gleichzeitig eine Art Tante-Emma-Laden ist. Der Name spielt mit der regionalen Aussprache von venda, dem portugiesischen Wort fĂŒr einen kleinen Verkaufs- oder Dorfladen. Im Minho waren solche Vendas traditionell weit mehr als nur ein Ort zum Einkaufen: Sie dienten zugleich als Treffpunkt der Dorfgemeinschaft.

Einmal im Jahr wird Ponte de Lima zur Pferdestadt

Besonders sichtbar wird das bei der eben schon erwÀhnten Feira do Cavalo de Ponte de Lima.
Sie wurde 2007 ins Leben gerufen und hat sich inzwischen zu einer der wichtigen Pferdeveranstaltungen Portugals entwickelt. Die Stadt wollte ganz bewusst einen reiterlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Treffpunkt fĂŒr den Norden schaffen. Mittlerweile kommen ZĂŒchter, Reiter und Besucher aus Portugal und dem Ausland.
2026 fand bereits die 18. Ausgabe statt.
Auf dem Programm standen unter anderem Dressur, Working Equitation, Horseball, Fahrsport sowie die traditionelle Zuchtschau Modelo e Andamentos des Puro Sangue Lusitano. Die internationale Working-Equitation-PrĂŒfung war zugleich Qualifikation fĂŒr Welt- und Europameisterschaften.
Trotzdem fĂŒhlt sich die Feira anders an als die berĂŒhmte Feira Nacional do Cavalo in GolegĂŁ.
Sie ist kompakter. Überschaubarer. Vielleicht etwas stĂ€rker auf den Sport konzentriert und gleichzeitig deutlich familiĂ€rer. FĂŒr mich ist sie damit eine Mischung aus der Feira Nacional do Cavalo in GolegĂŁ und dem Festival Internacional do Cavalo Lusitano (FICL), das jĂ€hrlich in Lissabon stattfindet.
Zwischen den PrĂŒfungen trifft man ZĂŒchter und Reiter, schaut sich Pferde an, isst etwas, trinkt einen Vinho Verde und landet schnell in einem GesprĂ€ch. Genau diese Mischung aus Pferdesport, Zucht und Volksfest macht einen Teil ihres Charmes aus.
Was ich dort erlebt habe, wen ich getroffen habe und was eine Bar in Ponte de Lima mit Che Guevara und Kölsch zu tun hat, erzĂ€hle ich ĂŒbrigens in meinem ReisefĂŒhrer fĂŒr Lusitano-Fans. 😉

Aber da ist noch ein anderes Pferd

Wer nur wegen der Lusitanos nach Nordportugal fĂ€hrt, ĂŒbersieht nĂ€mlich einen ziemlich wichtigen Bewohner der Region.
Den Garrano.
Diese kleinen, robusten Pferde gehören zum kulturellen Erbe des Minho. Ihre Geschichte reicht weit zurĂŒck; ĂŒber Jahrhunderte wurden sie als Arbeits-, Last- und Transporttiere eingesetzt. Heute ist der Garrano eine anerkannte autochthone portugiesische Pferderasse.
Und manche leben noch immer weitgehend frei in den Bergen.
Besonders bekannt dafĂŒr ist die Serra d’Arga, die sich zwischen Ponte de Lima, Caminha und Viana do Castelo erhebt. Auf ihren HochflĂ€chen kann man mit etwas GlĂŒck Garrano-Herden beobachten.
Das ist allerdings kein Tierparkbesuch. Manchmal sieht man sie sofort. Manchmal fĂ€hrt man ĂŒber ziemlich abenteuerliche Wege und sieht – gar nichts.
Dass der Garrano inzwischen bewusst als Teil der regionalen Pferdekultur verstanden wird, zeigte ausgerechnet die Feira do Cavalo de Ponte de Lima 2026 sehr schön: Eine der großen Abendveranstaltungen trug den Titel „Garrano, a Raiz“ – „Garrano, die Wurzel“. 18 Pferde erzĂ€hlten in vier Akten von der Geschichte und Bedeutung der Rasse fĂŒr den Norden.
Damit schließt sich ein Kreis: Auf derselben Veranstaltung stehen der international erfolgreiche Lusitano und das kleine Bergpferd des Minho nebeneinander.

Das Cenro Equestre Vale do Lima vom Parkplatz aus gesehen.

Ponte de Lima – Römisch-mittelalterliche BrĂŒcke mit der Igreja de Santo AntĂłnio da Torre Velha und Blick auf die historische Altstadt.

Garranos in der Serra dÂŽArga.

Und wann fÀhrt man hin?

Wer Pferdesport und Lusitano-Zucht erleben möchte, sollte die Termine der Feira do Cavalo de Ponte de Lima im Blick behalten. Wer dagegen Landschaft, Garranos und den grĂŒnen Norden entdecken möchte, kann Ponte de Lima wunderbar in eine Reise zwischen Porto, Viana do Castelo und dem Peneda-GerĂȘs integrieren.
Oder beides miteinander verbinden.
Im kommenden Jahr biete ich erstmals einen fĂŒnftĂ€gigen Workshop rund um die Feira do Cavalo de Ponte de Lima an. Rund um das erste Juli-Wochenende geht es dann um Lusitanos, Pferdekultur und die Region – mit Besuchen auf der Feira, Einblicken in die Pferdeszene vor Ort und natĂŒrlich auch Zeit, den grĂŒnen Norden Portugals vom PferderĂŒcken aus zu entdecken (Du kannst dich HIER dazu informieren).
Die genaue Ausschreibung veröffentliche ich noch im September 2026. Wer Interesse hat, kann sich aber bereits jetzt unverbindlich vormerken lassen.
Was ich auf jeden Fall sagen kann: Ponte de Lima ist einer dieser Orte, bei denen man irgendwann feststellt, dass man eigentlich immer zu wenig Reisetage gebucht hat.

Noch mehr Nordportugal im Buch

In „Auf den Spuren des Lusitanos“ nehme ich euch mit zu den Menschen und Pferden, die hinter dieser noch vergleichsweise unbekannten Pferderegion Portugals stehen. Wir besuchen die Feira do Cavalo, treffen Filipe Pimenta, schauen hinter die Mauern eines alten Herrenhauses – und machen uns auf die Suche nach den wilden Garranos der Serra d’Arga.

Denn wer denjenigen Glauben schenkt, die Portugals Pferdekultur nur im Ribatejo verorten, verpasst einen ziemlich spannenden Teil seiner Reitkultur.

Oben links: Blick ĂŒber die Serra dÂŽArga, Oben rechts: Trailritt auf Lusitanos, Unten links: Die Benda mit Chocalhos (traditionelle Glocken) als Lampen, Unten rechts: Infinity-Pool mit Blick auf Ponte de Lima.

Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzĂ€hle ich ausfĂŒhrlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprĂ€gt haben.