🔎 Spurensuche: Quinta da Fonte Boa
Was von der Coudelaria Nacional geblieben ist – Im Internet kursieren zahlreiche Storys über die Quinta da Fonte Boa und ihre Bedeutung für die portugiesische Reitkunst. Eine Spurensuche zwischen historischen Quellen, überlieferten Erzählungen und offenen Fragen.
SPURENSUCHE
Agnes Trosse
7/29/20265 min lesen


In den ehemaligen Pferdeställen der Quinta da Fonte Boa stehen schon lange keine Lusitanos mehr. Ein alter Heuwagen ist geblieben. An den Wänden hängen noch Bilder der Escola Portuguesa de Arte Equestre und von Queluz. Auch Hinweise auf die Falknerei erinnern an die Zeit, in der hier die Coudelaria Nacional – das portugiesische Nationalgestüt – untergebracht war.
Die Quinta liegt im Vale de Santarém, etwas außerhalb der Stadt Santarém. Heute gehört sie zum Instituto Nacional de Investigação Agrária e Veterinária, kurz INIAV. Dort werden weiterhin Tiere gehalten, Futtermittel angebaut und Forschungsprojekte zur Tierproduktion durchgeführt. Zum Beispiel sehe ich hier Ziege auf den Weiden und ein Mitarbeiter erzählt mir von Rindrn im Stall. Die ehemaligen Pferdeställe, die Reithalle und die Außenarena werden zum Zeitpunkt meines Besuchs jedoch nicht genutzt.
Von der sĂĽdlichen zur nationalen Coudelaria
Die Geschichte der staatlichen Pferdezucht in Fonte Boa begann 1887. In diesem Jahr wurden die Coudelaria Nacional do Norte und die Coudelaria Nacional do Sul geschaffen. Die südliche Coudelaria erhielt ihren Sitz in der Quinta da Fonte Boa, diesem Ort mit den gelb getünchten Wänden den ich mir 2024 bei der Recherche zu meinem Buch „Auf den Spuren des Lusitanos" angeschaut habe. 1891 wurde die Coudelaria Nacional do Norte aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst. Ihr bereits nach Fonte Boa verlegter Pferdebestand ging in der Coudelaria Nacional do Sul auf, die fortan nur noch Coudelaria Nacional hieß.
1913 zog auch die Estação Zootécnica Nacional nach Fonte Boa. Sie war 1901 zunächst in Belém gegründet worden und widmete sich der Erforschung, Zucht und Verbesserung landwirtschaftlicher Nutztiere. In Fonte Boa gehörten dazu Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Pferde. Zu den Aufgaben zählten außerdem die Untersuchung von Futtermitteln und die Führung genealogischer Register. Zeitweise beschäftigte die Einrichtung mehrere Hundert Menschen. Diese Geschichte wird in einer Veröffentlichung des heutigen INIAV ausführlich dargestellt (QUELLE).
Die Coudelaria Nacional und die Estação Zootécnica Nacional - die staatliche Forschungsstation für Tierzucht - bestanden über viele Jahrzehnte nebeneinander auf demselben Gelände. Noch im Februar 2007 kündigte der Serviço Nacional Coudélico eine Versteigerung von 30 Pferden aus der Coudelaria Nacional und der Coudelaria de Alter an. Die Pferde konnten in Fonte Boa besichtigt werden, die Auktion fand am 3. März im dortigen Picadeiro statt (QUELLE).
Wenige Tage zuvor war bereits die Auflösung des Serviço Nacional Coudélico beschlossen worden. Seine Aufgaben und Teile seines Vermögens gingen an die neu geschaffene Fundação Alter Real über. Die Stiftung hatte ihren Sitz in der Coudelaria de Alter in Alter do Chão. Zu ihren Aufgaben gehörten die Betreuung der Coudelaria Nacional und der Coudelaria de Alter, des Laboratório de Genética Molecular sowie zunächst auch der Escola Portuguesa de Arte Equestre (Quelle).
Die zugänglichen amtlichen Unterlagen belegen damit, dass Anfang 2007 noch Pferde in Fonte Boa standen und in diesem Jahr die institutionelle Neuordnung begann. Wann der gesamte verbliebene Bestand nach Alter do Chão gebracht wurde, geht daraus nicht eindeutig hervor. Die heutige Coudelaria de Alter schreibt, dass die kleine Zuchtherde der Coudelaria Nacional seit der Umstrukturierung, mit der die Fundação Alter Real aufgelöst wurde, in Alter do Chão untergebracht ist. Diese Umstrukturierung erfolgte 2013 (QUELLE).








Wer fĂĽhrt das Lusitano-Zuchtbuch?
Die Coudelaria Nacional ist ein staatliches GestĂĽt mit einem eigenen Brandzeichen und einer eigenen Zuchtlinie. Sie fĂĽhrt jedoch nicht das offizielle Zuchtbuch des Puro Sangue Lusitano.
Diese Aufgabe liegt bei der Associação Portuguesa de Criadores do Cavalo Puro Sangue Lusitano, kurz APSL. Das geltende Zuchtbuchreglement hält ausdrücklich fest, dass die Führung des Livro Genealógico der APSL anvertraut ist. Sie nimmt Eintragungen vor, führt die Abstammungsdaten und organisiert die Bewertungen zur Zulassung als Zuchttier. Auch die Identifikationsdokumente für Lusitanos können von ihr ausgestellt werden.
Ein Pferd darf nur dann offiziell als Lusitano bezeichnet werden, wenn es in diesem Zuchtbuch eingetragen ist. Das Reglement erkennt die APSL zugleich als weltweit koordinierende Behörde des Livro Genealógico an.
Ein Gelände mit mehreren Geschichten
Die Fundação Alter Real wurde 2013 wieder aufgelöst. Seitdem liegen die staatlichen Aufgaben zur Erhaltung der genetischen Linien der Coudelaria Nacional und von Alter Real bei der Companhia das LezĂrias (QUELLE).
Die Escola Portuguesa de Arte Equestre wird seit September 2012 von Parques de Sintra – Monte da Lua geführt. Ihre Stallungen und ein Trainingsplatz befinden sich heute im Páteo da Nora an der Calçada da Ajuda in Belém. Gegenüber liegt der Picadeiro Henrique Calado, in dem Besucher die Morgenarbeit anschauen können. Es finden außerdem regelmäßig Galas statt. Wer sich für Gala-Termine und Termine von Lusitano-Festen in Portugal interessiert findet HIER meinen Lusitano-Eventkalender). Die Pferde sind im Páteo da Nora in Belém untergebracht. Offenbar hält die Schule laut der Website von Parques de Sintra einen Teil ihrer Pferde weiterhin in den 1996 errichteten Stallanlagen in den Gärten des Palácio Nacional de Queluz. Hier war die gesamte Schule bis 2015 untergebracht. Vorführungen fanden regelmäßig in den Gärten des Palastes statt.
Die Bilder in den Stallungen von Fonte Boa zeigen die Reiter der Schule in den Gärten von Queluz. Sie erinnern an die frühere institutionelle Verbindung (QUELLE).
Die Quinta da Fonte Boa ist kein Lost Place im eigentlichen Sinn. Auf dem Gelände wird weiterhin gearbeitet, geforscht und Landwirtschaft betrieben. Leer stehen bei meinem Besuch lediglich jene Gebäude, die mich besonders interessieren. In den Stallungen ist noch zu erkennen, dass sie über viele Jahrzehnte für Pferde genutzt wurden. Seitdem die Coudelaria Nacional diesen Ort verlassen hat wurde er auch immer wieder an Reiter vermietet. Der alte Heuwagen, die Bilder an den Wänden, ein überdachter Außenplatz und die verlassene Reithalle sind die letzten sichtbaren Spuren der Coudelaria Nacional an ihrem früheren Standort. Als ich die Stallungen wieder verlasse, steht der alte Heuwagen noch immer in seiner Ecke. Ob außer ihm und den leeren Gebäuden auch Teile des historischen Archivs oder alte Zuchtregister der Coudelaria Nacional in Fonte Boa geblieben sind, muss ich noch herausfinden. Die Verantwortung für die Biblioteca da Coudelaria Nacional und den zugehörigen historischen Dokumentenbestand liegt seit 2013 bei der portugiesischen Veterinärbehörde DGAV.




Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ausführlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.


