👤 Im Porträt: Dom Duarte – Warum ein portugiesischer König schon im 15. Jahrhundert über Grenzen hinweg dachte

König, Reiter und belesener Europäer: Dom Duarte schrieb über Wissen, Gefühle und gutes Reiten – und dachte dabei weit über Portugal hinaus.

👤 IM PORTRÄT

Agnes

8/3/20265 min lesen

Ein guter Reiter sollte in jedem Sattel gut reiten können. Dieser Gedanke klingt erstaunlich modern. Tatsächlich stammt er jedoch nicht von einem heute lebenden Trainer, sondern von einem portugiesischen König des frühen 15. Jahrhunderts.

Dom Duarte (1391–1438) gilt als Autor des ältesten erhaltenen portugiesischen Reitbuches, des Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela. Einem Buch, das sich mit den körperlichen und geistigen Voraussetzungen guten Reitens beschäftigt – vom Sitz über den Charakter des Reiters bis hin zum Umgang mit Angst. Daneben verfasste er mit dem Leal Conselheiro ein Werk über Ethik, Charakterbildung und gutes Regieren. Beide Bücher verbindet eine ungewöhnliche Sicht auf den Menschen – und sie erzählen noch eine andere Geschichte: die einer Reitwelt, die bereits vor 600 Jahren weit stärker vernetzt war, als viele von uns heute vermuten würden.

đź“– Wusstest Du schon?

Das älteste erhaltene portugiesische Reitbuch entstand rund 100 Jahre vor Federico Grisones berühmter Gli ordini di cavalcare und fast 200 Jahre vor Pluvinels L'Instruction du Roy. Und es finden sich darin etliche Gedanken, die heute erstaunlich modern wirken.

Portugal war ein bedeutender Player

Der Blick auf die Landkarte zeigt: Portugal liegt am sĂĽdwestlichen Rand Europas. Das war auch im Mittelalter schon so. Trotzdem war Portugal alles andere als eine vergessene Randregion.

Einen interessanten Einblick in diese Zeit gibt die französische Sprachwissenschaftlerin Anne-Marie Quint. Sie veröffentlichte 2016 gemeinsam mit Carlos Pereira eine französische Übersetzung von Dom Duartes Reitbuch. In ihrer Einführung beschreibt sie eindrucksvoll, wie eng der portugiesische Hof bereits damals mit anderen europäischen Herrscherhäusern vernetzt war: Dom Duartes Mutter Philippa von Lancaster war Engländerin. Seine Schwester Isabel heiratete Philipp den Guten, Herzog von Burgund. Sein Bruder Pedro bereiste fast zehn Jahre lang Europa und brachte Bücher, Ideen und Erfahrungen mit zurück nach Portugal. Bruder Henrique – der spätere Heinrich der Seefahrer – leitete die ersten großen portugiesischen Entdeckungsfahrten ein.

Dom Duarte wuchs also keineswegs in einem abgeschotteten Königreich auf. Er gehörte zu einer Generation von Prinzen, die Europa als Netzwerk aus Höfen, Diplomatie und persönlichem Austausch erlebte.

Eine europäische Bibliothek

Dass Dom Duarte über den eigenen Tellerrand hinausschaute, zeigt auch seine Bibliothek. Für einen Herrscher des frühen 15. Jahrhunderts besaß er eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung mit 88 Büchern – damals ein kaum vorstellbarer Reichtum. Die Werke waren nicht nur auf Portugiesisch verfasst. Er las auch Latein sowie kastilische und aragonesische Texte.

Bücher waren damals selten und kostbar. Wer eine solche Bibliothek besaß, sammelte Wissen aus unterschiedlichen Regionen Europas. Der König wollte Erfahrungen anderer Menschen und aus anderen Kulturkreisen kennenlernen, vergleichen und daraus lernen. Auch das passt zu seinem Denken: Erfahrungen sollten verglichen und geprüft werden, statt sich auf eine einzige Autorität zu verlassen.

Ein Buch über das Reiten – in jedem Sattel

Und auch der Titel seines Buches ist etwas Besonderes: Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela – Buch von der Unterweisung im guten Reiten in jedem Sattel.

Warum „in jedem Sattel“? Die Antwort gibt Dom Duarte selbst. Er beschreibt verschiedene Satteltypen und erklärt, dass jeder eine andere Sitzweise erfordert. Er nennt unter anderem den Brabanter Sattel mit längeren Steigbügeln und den Gineta-Sattel mit kurzen Bügeln. Außerdem erwähnt er englische und französische Reiter sowie einen Mauren aus Fès. Sein Ziel ist jedoch nicht, eine Reitweise als die Bessere darzustellen. Im Gegenteil. Ein wirklich guter Reiter, so seine Überzeugung, sollte sich unterschiedlichen Sätteln und unterschiedlichen Reitweisen anpassen können.

Das ist auf jeden Fall einer der GrĂĽnde, warum mich dieses Werk so begeistert. Er wollte nicht beweisen, dass eine Reitweise allen anderen ĂĽberlegen war. Er beobachtete, verglich und war bereit, von unterschiedlichen Traditionen zu lernen. Gerade heute, in einer Zeit, in der auch in der Reiterwelt verschiedene Ausbildungsphilosophien oft gegeneinander ausgespielt werden, erscheint mir diese Haltung aktueller denn je.

Wissen kennt keine Grenzen

Besonders faszinierend ist, woher Dom Duartes Wissen stammte. Der König beschreibt Techniken, die ihren Ursprung weit über Portugal hinaus hatten. Die Gineta etwa war eng mit der iberisch-nordafrikanischen Reittradition verbunden. Gerade diese Reitweise war durch den jahrhundertelangen Kontakt zwischen Christen und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel geprägt.

Und hier zeigt sich ein spannender Widerspruch, der die Besonderheit von Dom Duartes Haltung noch einmal hervorhebt. Portugal befand sich während Dom Duartes Lebens durchaus in militärischen Auseinandersetzungen mit den muslimischen Herrschern Nordafrikas. Der König selbst nahm 1415 an der Eroberung Ceutas teil. Und dennoch beschreibt er die Reitweise eines Mauren aus Fès ganz selbstverständlich als Beispiel einer anderen technischen Tradition. Er beschreibt sie nicht abwertend, sie ist für ihn schlicht eine andere technische Tradition – eine weitere Möglichkeit. Das spricht dafür, dass Dom Duarte reiterisches Können von politischen oder religiösen Gegensätzen zu trennen vermochte.

👤Dom Duarte (1391–1438)

  • König von Portugal von 1433 bis 1438

  • Autor des Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela

  • Autor des Leal Conselheiro

  • Sohn von JoĂŁo I. und Philippa von Lancaster

  • Mitglied der „Ínclita Geração“, der „ruhmreichen Generation“ portugiesischer Prinzen

  • Gilt als Verfasser des ältesten erhaltenen portugiesischen Reitbuches

Europa lernte voneinander

Lässt sich daraus schließen, dass Reiter im Mittelalter europaweit voneinander lernten? Ganz so einfach ist es nicht. Dom Duarte schreibt nirgends ausdrücklich, woher er seine Kenntnisse über die verschiedenen Reitweisen bezog. Doch vieles spricht für ein dichtes Netzwerk des Austauschs.

Am portugiesischen Hof begegneten sich Gesandte, Adlige, Ritter und Händler aus unterschiedlichen Ländern. Dynastische Heiraten verbanden Portugal mit England, Burgund, Aragón und Kastilien. Dom Duartes Bruder Pedro bereiste Europa. Bücher wurden gesammelt und übersetzt. Reitwissen entstand daher offenbar nicht isoliert innerhalb einzelner Länder. Es wurde durch Reisen, diplomatische Kontakte, Heiratsverbindungen, militärische Begegnungen und persönliche Erfahrungen weitergegeben.

Reiten beginnt beim Menschen

Mindestens ebenso modern ist jedoch Dom Duartes Blick auf den Reiter. Während viele spätere Reitbücher zunächst über Pferde sprechen, beginnt er beim Menschen. Er schreibt über Angst. Über Mut. Über Selbstbeherrschung. Über Charakter.

Anne-Marie Quint weist darauf hin, dass Dom Duarte sogar ganze Kapitel seines Leal Conselheiro in das Reitbuch übernimmt. In diesem Werk – einer Sammlung von 103 Kapiteln über gutes Leben, gutes Handeln und gutes Regieren – beschäftigt er sich mit Angst, Mut, Selbstbeherrschung und Charakterbildung. Für ihn gehören Ethik und Reitkunst untrennbar zusammen. Ein guter Reiter zeichnet sich für ihn also nicht allein durch seine Technik aus. Er muss vor allem lernen, sich selbst zu beherrschen.

Ein erstaunlich modernes Erbe

Dom Duarte hinterließ nicht einfach nur das erste bedeutende portugiesische Reitbuch. Er zeigt uns eine Welt, in der Reitkunst schon lange vor den berühmten italienischen und französischen Reitakademien von Beobachtung, Austausch und der Bereitschaft geprägt war, von anderen zu lernen.

Unterschiedliche Reitweisen wurden beobachtet. Sättel wurden verglichen. Erfahrungen wurden weitergegeben. Und der gute Reiter war derjenige, der bereit war, daraus zu lernen.

Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ausführlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.