👤 Im Porträt: António Galvão de Andrade – ein Reitmeister zwischen zwei Welten
António Galvão de Andrade schrieb sein Werk über die Reitkunst in einer Zeit, in der die alte iberische Gineta-Reiterei noch lebendig war. Gleichzeitig verbreitete sich an den europäischen Höfen längst eine andere Art der Pferdeausbildung. Italienische und französische Reitmeister prägten zunehmend das, was später als klassische höfische Reitkunst verstanden wurde.
👤 IM PORTRÄT
Agnes
9/21/20268 min lesen


Zur Zeit von Galvão de Andrade verschmolzen unterschiedliche Reittraditionen zunehmend miteinander. Die ältere europäische Brida-Reiterei der schweren Kavallerie und die auf der Iberischen Halbinsel stark verbreitete Gineta hatten lange nebeneinander bestanden. Im 17. Jahrhundert waren daraus und aus den neuen Ausbildungsideen der italienischen und französischen Reitmeister längst neue Formen höfischer Reitkunst entstanden. Galvão de Andrade kannte diese unterschiedlichen Strömungen und versuchte, sie miteinander zu verbinden.
Der portugiesische Hippologe Carlos Henriques Pereira bezeichnet das Werk Galvão de Andrades deshalb als einen wichtigen Übergang innerhalb der portugiesischen Reitkunst.
D. Diogo de Bragança (1930–2012)
VIII. Marquês de Marialva. Er war portugiesischer Reiter, Schüler Nuno Oliveiras, Sammler historischer Reitliteratur und selbst Autor mehrerer Werke zur Geschichte und Praxis der Reitkunst. Seine bedeutende hippologische Sammlung bildet heute die Biblioteca de Arte Equestre D. Diogo de Bragança bei der Escola Portuguesa de Arte Equestre.
Das gefällt mir an ihm. Denn statt eine vermeintlich „reine“ portugiesische Reitweise verteidigen zu wollen, nahm Galvão de Andrade neue Ideen auf. Er integrierte Elemente der Brida-Reiterei, beschäftigte sich mit Schullektionen und veränderte unter anderem die verwendeten Gebisse. Pereira interpretiert diese Offenheit ausdrücklich als Versuch, die portugiesische Reiterei nicht zu isolieren, sondern an die Veränderungen seiner Zeit anzupassen.
Damit knüpft Galvão de Andrade in gewisser Weise sogar wieder an Dom Duarte an. Auch der portugiesische König des 15. Jahrhunderts hatte sich nicht auf eine einzige Art zu reiten festgelegt, sondern beschäftigte sich mit unterschiedlichen Sätteln und Reitweisen.
Galvão de Andrade steht mehr als zwei Jahrhunderte später erneut an einem solchen Schnittpunkt.
Vom Schlachtfeld in den Picadeiro
Dass sich die Reiterei verändern musste, hatte einen ganz handfesten Grund: Die Kriegsführung veränderte sich. Die Gineta war für den Nahkampf mit Lanze und Schwert hervorragend geeignet. Mit der zunehmenden Bedeutung von Feuerwaffen verloren viele dieser Anforderungen jedoch ihren ursprünglichen militärischen Nutzen. Galvão de Andrade reagierte darauf sogar innerhalb seines eigenen Systems. Pereira weist darauf hin, dass er Feuerwaffen in die Ausbildung von Pferd und Reiter integrierte und damit versuchte, die alte Gineta an die neue militärische Realität anzupassen.
Dabei begegnet uns eine Ausbildung, die stellenweise schon sehr systematisch wirkt.
Pferde sollten schrittweise an Dinge gewöhnt werden, denen sie im Einsatz begegnen konnten: zunächst an Lärm und Licht, später an Feuer, Feuerwerk, Schüsse, Fahnen und Trommeln. Besonders interessant ist, wie Galvão de Andrade dabei vorgeht. Pereira beschreibt, dass die Pferde für richtiges Verhalten mit Stimme, Streicheln und sogar Futter belohnt wurden. Ziel dieser Übungen war ausdrücklich weniger eine körperliche Gymnastizierung als eine mentale Vorbereitung des Pferdes.
Wir dürfen natürlich nucht vergessen, dass Galvão de Andrade im 17. Jahrhundert lebte, und viele Methoden dieser Zeit keineswegs unseren heutigen Vorstellungen entsprechen.
Trotzdem erkennt Pereira bei ihm eine Haltung, die er sinngemäß als eine Art Ethologie avant la lettre bezeichnet: eine für seine Zeit bemerkenswerte Aufmerksamkeit für das Verhalten und die Psyche des Pferdes. In seiner Gesamteinordnung nennt er gerade diese Haltung neben Galvão de Andrades Verbindung verschiedener Reitweisen als eine seiner besonderen Leistungen.
Auch der Reiter musste einiges können
Wer jetzt allerdings an ruhige Dressurarbeit im Picadeiro denkt, sollte noch einmal umdenken.
Galvão de Andrades Reiter mussten ausgesprochen sportlich gewesen sein.
Er beschreibt unter anderem Übungen, bei denen der Reiter im Galopp einen Gegenstand vom Boden aufnimmt, aus dem Sattel auf die Kruppe eines anderen Pferdes wechselt oder sogar kopfüber auf dem galoppierenden Pferd agiert. Acht Kapitel widmet er solchen akrobatischen Übungen. Einige davon gehen vermutlich auf den spanischen Autor Tapia y Salcedo zurück.
Was heute beinahe wie eine Mischung aus Voltigieren und Showprogramm aussieht, hatte zumindest teilweise einen sehr praktischen Hintergrund. Ein Reiter konnte im Kampf seine Waffe verlieren, vom Pferd geraten oder einem Angriff ausweichen müssen. Geschicklichkeit auf und neben dem Pferd war deshalb keine Zirkusnummer, sondern konnte lebenswichtig sein.
Gleichzeitig wurden genau solche Fähigkeiten natürlich auch bei höfischen Festen gezeigt. Galvão de Andrade selbst trat in diesem Umfeld auf und verband offenbar Elemente der Gineta mit Schullektionen und akrobatischen Übungen. Carlos Pereira beschreibt sogar Darbietungen mit maurischen Reitern am portugiesischen Hof.
Auch daran lässt sich erkennen, wie unterschiedlich die Quellen der portugiesischen Reitkultur waren.
Zwischen Afrika, Iberischer Halbinsel und europäischer Hofreiterei
Gerade dieser Austausch wird bei Galvão de Andrade sehr deutlich.
Pereira berichtet beispielsweise von zwei maurischen Reitern, die am Hof João IV. erschienen. Von ihnen lernte Galvão de Andrade eine Technik, mit der sich ein unbewaffneter Reiter durch Körperbewegungen auf dem Pferd gegen Schläge verteidigen konnte. Er übernahm das Gelernte und hielt es anschließend in seinem Buch fest.
Solche Stellen finde ich viel spannender als die Vorstellung einer national völlig isolierten „portugiesischen Reitkunst“.
Sie zeigen, wie Reitwissen tatsächlich entsteht: Menschen begegnen sich, beobachten einander, probieren etwas aus, übernehmen Techniken und verändern sie für ihre eigenen Pferde und Aufgaben.
Auch die portugiesische Reitkunst ist das Ergebnis eines solchen Austauschs.
Drei portugiesische Autoren – drei Etappen
Besonders aufschlussreich wird Galvão de Andrade, wenn Pereira ihn nicht isoliert betrachtet.
Am Anfang steht Dom Duarte im 15. Jahrhundert. Sein Livro da Ensinança de Bem Cavalgar Toda Sela beschäftigt sich ungewöhnlich intensiv mit dem Reiter selbst, seiner Angst, seiner Haltung und seiner Fähigkeit, zu lernen.
Im 17. Jahrhundert folgen unter anderem Pedro Galego, Pinto Pacheco und schließlich António Galvão de Andrade. Obwohl ihre Ansätze unterschiedlich sind, dokumentieren sie eine Zeit, in der die traditionelle Gineta in Portugal noch lebendig ist, während die Brida-Reiterei in Europa immer bedeutender wird. Pereira bezeichnet Galvão de Andrades Werk innerhalb dieser Gruppe als das vollständigste und interessanteste.
Und dann kommt, mehr als hundert Jahre später, Manoel Carlos de Andrade.
1790 ist die Situation eine völlig andere. In seinem monumentalen Werk Luz da Liberal e Nobre Arte da Cavallaria spielt die Gineta praktisch keine Rolle mehr. Französische und andere europäische Einflüsse sind deutlich sichtbar, insbesondere La Guérinière und Newcastle. Die Pferdeausbildung wird systematischer, geometrischer und biomechanischer gedacht.
Genau diesen Unterschied habe ich auch in Auf den Spuren des Lusitanos aufgegriffen: António Galvão de Andrade versucht noch, Gineta und Brida miteinander zu verbinden. Manoel Carlos de Andrade wendet sich im 18. Jahrhundert dagegen weitgehend von der Gineta ab. Seine Dressurvorstellungen sind deutlich stärker von Geometrie und Biomechanik geprägt. Dazwischen liegt nicht einfach nur ein Jahrhundert. Dazwischen verändert sich die Aufgabe des Pferdes.
Warum Galvão de Andrade heute noch spannend ist
Ich glaube nicht, dass wir historische Reitbücher lesen sollten, um darin möglichst schnell eine alte Anleitung für unser heutiges Training zu finden. Dafür unterscheiden sich Pferdehaltung, Wissen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und zum Teil auch die Vorstellungen vom Umgang mit dem Pferd viel zu stark.
Galvão de Andrade ist aus einem anderen Grund spannend. Bei ihm lässt sich beobachten, wie Reitkunst sich verändert.
Er lebt in einer Zeit, in der eine alte iberische Gebrauchskultur des Reitens allmählich an Bedeutung verliert. Er erkennt diese Veränderung, hält an dem Wissen fest, das er für wertvoll hält, und nimmt gleichzeitig Neues auf. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sein Buch heute noch so viel über die portugiesische Reitkunst erzählt. Nicht, weil es eine unveränderliche portugiesische Methode festschreibt.
Sondern weil es zeigt, dass diese Reitkunst immer in Bewegung war. Und wer heute verstehen möchte, warum der Lusitano ein Pferd ist, bei dem Wendigkeit, Versammlungsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit, Mut und Aufmerksamkeit so eng zusammenspielen, findet in dieser Geschichte zumindest einen Teil der Antwort.
Zwei Stiche aus dem Werk von António Galvão de Andrade, die die Gineta-Reiterei darstellen




António Galvão de Andrade – KI generiertes Portrait nach einem historischen Stich. So könnte er ausgesehen haben.
🐎 Auf den Spuren des Lusitanos in Vila Viçosa
Wer nach Vila Viçosa reist, kann der Geschichte des Lusitanos noch immer auf Schritt und Tritt begegnen. Der imposante Paço Ducal erinnert an die Zeit, als hier die Herzöge von Bragança residierten. Zum Palastensemble gehören auch historische Stallungen, und ganz in der Nähe liegt die Tapada Real, das ehemalige Jagdgebiet des Hofes.
Für mein Buch Auf den Spuren des Lusitanos habe ich Vila Viçosa selbst besucht und mich dort auf die Suche nach den Spuren der portugiesischen Pferde- und Reitkultur gemacht. Wer mehr über den Ort, seine Geschichte und seine Verbindung zum Lusitano erfahren möchte, findet darin ein eigenes Kapitel über Vila Viçosa.
Aufgewachsen mit Pferden in Vila Viçosa
António Galvão de Andrade wurde um 1613 in Vila Viçosa geboren. Die Stadt war Sitz der Herzöge von Bragança und verfügte bereits vor der portugiesischen Restauration von 1640 über eine ausgeprägte Hof- und Pferdekultur.
Auch in Galvão de Andrades Familie spielten Pferde eine zentrale Rolle. Sein Vater Francisco Galvão de Andrade war Reiter und estribeiro (Hofstallmeister) des Herzogs D. Teodósio II.; bereits sein Großvater hatte im Dienst des Hauses Bragança gestanden. Das Reiten lernte er von Kindesbeinen an: Nach eigener Aussage saß er seit seinem siebten Lebensjahr im Sattel und wurde zunächst von seinem Vater unterrichtet.
Carlos Henriques Pereira berichtet, dass António Galvão de Andrade in Vila Viçosa eine eigene Reitschule gründete. Dabei beruft er sich auf den portugiesischen Autor Dom Diogo de Bragança, nach dem diese bereits vor 1633 bestand – dem Jahr, in dem João, der spätere König João IV., Luísa de Gusmão heiratete. Bei den Feierlichkeiten zur Hochzeit trat Galvão de Andrade als berittener Stierkämpfer in Erscheinung. Später wechselte er mit dem Haus Bragança an den königlichen Hof und wurde Reitmeister im unmittelbaren Umfeld João IV. und der Prinzen.
Das macht sein Werk für mich besonders interessant. Galvão de Andrade schreibt aus einer Welt heraus, in der Pferde täglich gebraucht wurden: am Hof, bei Festen, beim berittenen Stierkampf und im militärischen Zusammenhang.
1678 fasste er sein Wissen in der Arte da Cavallaria de Gineta, e Estardiota, Bom Primor de Ferrar, & Alveitaria zusammen. Das mehr als 600 Seiten umfassende Werk behandelt neben der eigentlichen Reitkunst auch Beschlag und die damalige Pferdemedizin. Das portugiesische Museu Nacional do Desporto bezeichnet es als erstes illustriertes portugiesisches Reitbuch und zugleich als ersten portugiesischen Traktat über den Stierkampf.
Zwischen Gineta und Brida
Die Unterschiede zwischen Gineta und Brida haben wir bereits bei Dom Duarte kennengelernt (Lies gerne HIER nochmal nach). Zu Galvão de Andrades Zeit hatten sich diese Reitweisen jedoch längst weiterentwickelt. Vor allem aus Italien und Frankreich kamen neue Impulse für die systematische Ausbildung des Pferdes und die Reitkunst im Manège. Schon Pinto Pacheco griff solche Einflüsse auf. Galvão de Andrade ging noch weiter: Carlos Henriques Pereira sieht in seinem Werk den Versuch, Gineta und Brida miteinander zu verbinden.
Er wollte die alte Reiterei nicht einfrieren
Galvão de Andrade war durchaus ein Vertreter der traditionellen portugiesischen Gineta-Reiterei. Trotzdem scheint er sehr genau beobachtet zu haben, was sich außerhalb Portugals entwickelte.
Er kannte unter anderem Pluvinel, La Noue, Federico Grisone, Pedro de Aguilar und weitere europäische Reitautoren. Trotzdem, so betont Pereira unter Bezug auf Dom Diogo de Bragança, blieb das, was er schrieb, ausgesprochen eigenständig und von der Reittradition des Hofes in Vila Viçosa geprägt.
Buchhinweis:
In „Auf den Spuren des Lusitanos“ erzähle ich ausführlicher von Dom Duarte, den historischen Reitweisen und den Persönlichkeiten, die die portugiesische Reitkunst geprägt haben.


