Jungpferde-Aufzucht im Laufe der Geschichte
„Früher war alles besser. Früher wussten die Menschen noch, wie man Pferde aufzieht. Da waren sie noch näher dran an der Natur. Heute haben wir uns zu weit entfernt davon.“ Stimmt das denn überhaupt? Ich habe mir die alten Schriften mal genauer angeguckt. Mit überraschendem Ergebnis.
Agnes Trosse
4/17/202610 min lesen


Die ideale Aufzucht sah auch früher ein Leben in der Herde auf großen Weiden vor. Hier aus dem Werk von Newcastle.
Stimmt es, dass die Jungpferdeaufzucht früher besser und naturnaher war als heute? Stimmt es, dass vieles, was wir heute neu als sinnvolle und artgerechte Vorgehensweise (neu) entdecken, früher gang und gäbe war und schon jahrhundertelang genauso praktiziert wurde?
Dass es im 20. Jahrhundert eine ungute Entwicklung gab in Bezug auf das Management von Zucht, Aufzucht und Umgang mit dem Jungpferd? Oder war früher doch alles schlechter? Den Zeiten entsprechend „düster und brutal“? Um diese Fragen beantworten zu können habe ich verschiedene Werke anerkannter Reitmeister aus den letzten 2.000 Jahren Pferdezucht untersucht. Dazu gehören Xenophon, der Herzog von Newcastle, François Robichon de la Guérinière, Manoel Carlos de Andrade und Wolf Ehrenfried von Reitzenstein (ein Herausgeber, der 1764 das Buch „Der vollkommene Pferdekenner“ veröffentlichte).
Xenophon
Über Xenophon wird gern gestritten. Fakt ist, dass er in seinem Werk schon Ideen niederschreibt, die wir heute als „pro Pferd“ beschreiben würden. Sein Ansatz wünscht sich das Pferd als Freund und nicht als Sklaven. In seinem Werk „Über die Reitkunst“ schreibt er davon, dass das Pferd schon in den ersten Lebenstagen lernen soll, tiefes Vertrauen zum Menschen zu fassen, ja diesen geradezu lieben lernen und in seiner Abwesenheit vermissen soll. Das versucht er zu erreichen, indem er dafür sorgt, dass jeglicher Kontakt mit dem Menschen mit etwas Positivem verbunden ist. Der Mensch sorgt dafür, dass es dem Fohlen an nichts fehlt, dass unangenehme Reize wie Hitze, Insekten, juckende Hautstellen, Schmerzen, Hunger oder Durst für das Fohlen nachvollziehbar vom Menschen beseitigt werden.
Xenophon setzt für die Aufzucht und die spätere Ausbildung des Pferdes auf geschulte Fachleute, denen das Pferd anzuvertrauen ist, damit das Vertrauen des Pferdes nicht durch Unwissenheit oder Unvermögen erzeugte Fehler erschüttert wird.
Herzog von Newcastle
Der Herzog von Newcastle wird 1658 in seiner Méthode et invention nouvelle de dresser les chevaux schon sehr viel genauer in seinen Anweisungen. So beschreibt er, dass Stuten auf Weiden mit Unterständen, die die Tiere vor schlechtem Wetter schützen, gehalten werden müssen. Pferde könnten weder Hitze noch Kälte gut vertragen. Im Winter rät er zu einem guten Heuvorrat für die
Tiere. Dann geht er auf den Umgang mit den Fohlen ein. Offenbar gab es zu seiner Zeit durchaus die Praxis, Fohlen erst einjährig bzw. teilweise auch erst zweijährig abzusetzen. Davon rät der Herzog von Newcastle jedoch ab. Zum einen würde das den Fohlen nicht guttun, zum anderen wären die Stuten in diesem Zeitraum dann nicht fruchtbar. Er rät daher dazu, Fohlen um St. Martin herum abzusetzen und sie im Zuge dessen in einen warmen und sauberen Stall mit niedrigen Krippen und immer sauberer und weicher Einstreu zu bringen, wo sie frei herumlaufen dürfen. Er weist darauf hin, dass der Mensch die Fohlen so wenig wie möglich berühren sollte, weil sie sich verletzen könnten oder aufhören könnten zu wachsen.
Ihr Futter sollte aus gutem Heu und hochwertiger Kleie bestehen, da sie dadurch Durst bekämen und viel trinken würden, was wiederum ihrer Entwicklung zugutekäme. Außerdem erwähnt er, dass die Fohlen Hafer fressen sollen. Es sei ein Irrglaube, dass Fohlen von Hafer blind würden oder dieser ihnen Haken an den Zähnen bereiten würde. Bei schönem Wetter sollen die Fohlen an die frische Luft in einen Hof oder auf einen geeigneten Platz, damit sie spielen und ihren Stallmut abbauen können. Ende Mai solle man die Fohlen dann wieder auf die Weide lassen. Die Weide sollte so groß sein, dass alle Fohlen eines Jahrgangs darauf Platz finden. Offenbar wurden bei ihm die Pferde nach Alter getrennt. Auf der Weide soll sich ein Unterstand befinden, der die Fohlen vor der Hitze schützt. Wie der Unterstand beschaffen sein soll, illustriert er mithilfe eines Stiches im Buch.
Dabei ist ihm eine breite Flügeltür besonders wichtig, um die Verletzungsgefahr möglichst gering zu halten. Ist ein weiteres Jahr verstrichen, werden die nun eineinhalbjährigen Fohlen um St. Martin Anfang November wieder aufgestallt. Jetzt beginnt Newcastle damit, die Pferde anzubinden, zu putzen und sie an Berührungen durch den Menschen zu gewöhnen, sodass sie entspannt und brav im Umgang werden.
Nachdem sie im folgenden Sommer zwei Jahre alt geworden sind, könnte man sie erneut auf die Weide stellen oder sie im Stall behalten, um sie auf ihr Leben als Reitpferd vorzubereiten. Dabei präzisiert er aber ausdrücklich, dass Pferde nicht vor ihrem dritten Lebensjahr geritten werden sollten – lieber später. Ihm selbst sei es lieber, die Pferde im Winter in den Stall zu holen und im Frühjahr auf die Wiese zu lassen, bis sie ihr drittes Lebensjahr vollendet haben. Dann wären die Pferde körperlich schon gefestigter und würden Anstrengungen besser aushalten.
Interessant ist, dass Newcastle in einem Absatz ganz explizit auf die Beschaffenheit des Grases für Jungpferde eingeht. Dieses sollte hoch genug gewachsen und eher trocken sein, da für Pferde aus dem Süden (Berber, Neapolitaner, Spanier) nur getrocknete Futtermittel sinnvoll seien. Würden diese Pferde auf das im Norden übliche Gras gestellt, würden sie fett und träge, was für die Reitkunst nicht von Nutzen sei. Das gelte allerdings nur für die Hengste. Stuten könnten durchaus draußen bleiben, da sie nicht so sehr dazu neigen würden, am Hals und an den Schultern anzusetzen. In Hinblick auf die Bodenbeschaffenheit der Weiden hält er unterschiedliche Untergründe nicht für besonders wichtig.
Manoel Carlos de Andrade
1790 veröffentlicht de Andrade sein Werk Luz da Liberal e nobre arte da cavallaria, in dem er die Lehren seines Meisters, des Marquêz de Marialva, mit den Werken Newcastles, Pignatellis und de la Guérinières vergleicht. Wie bei so ziemlich allen seinen Abhandlungen geht de Andrade hier sehr akribisch und extrem detailliert vor. So beschreibt er die Auswahl von Stuten und Hengsten, wie das Bedecken vonstattengeht, wie die Trächtigkeit verläuft, was bei der Geburt zu beachten ist, was Züchter grundsätzlich beachten sollten in Hinblick auf die Fläche der Ländereien und die Anzahl der Tiere usw. Wer an diesen Themen Interesse hat, findet hier definitiv einen großen Wissensschatz und Einsichten in die Vorgänge der Pferdezucht im 18. Jahrhundert. Vieles wird übrigens heute noch genauso in Portugal durchgeführt, wie de Andrade es beschreibt.
Im Gegensatz zu Newcastle und de la Guérinière empfiehlt de Andrade, die Fohlen im Alter von zwölf Monaten abzusetzen. Auch er bringt sie dann in einen Unterstand oder Stall. Dieser dürfe aber weder heiß noch dunkel sein, „denn zu viel Hitze macht die Fohlen weichlich und schwächlich, und zu viel Dunkelheit nimmt ihnen die Lebensfreude“. Er rät auch dazu, die Fohlen an die frische mLuft und am besten auf die Wiese zu lassen. Nach etwa 14 Tagen wäre die Sehnsucht nach der Mutter dann vergessen.
„Die winterliche Jahreszeit sollen auch sie im Unterstand verbringen. Dort nimmt man sich ihrer gut an, lässt sie, wann immer es nicht regnet oder stark schneit, in den Auslauf und nährt sie mit gutem Heu und Stroh. Wenn sie nicht hinausgehen, reicht man ihnen zweimal täglich etwas Stroh und Kleie, nicht aber Gerste oder Hafer, denn diese Nahrungsmittel heizen sie in diesem ersten Jahr allzu sehr auf.“
Auch Regen und Kälte wären für die Jungpferde nachteilig, weswegen sie nicht zu früh auf die Weide gebracht und nicht zu spät wieder geholt werden sollten. Bei de Andrade werden die Pferde offenbar wilder groß als bei seinen Kollegen aus dem Norden. Er spricht in einem Absatz darüber, wann die Jungpferde eingefangen werden sollten. Dabei empfiehlt er dem Leser, sich nach dem Pferd zu richten. Manche Pferde seien mit drei schon geschlechtsreif und könnten dann eingefangen werden. Andere seien erst mit vier so weit, ihnen man solle daher auch mehr Zeit geben. Er rät daher, solche Pferde erst im Alter von vier Jahren einzufangen.
Der vollkommene Pferdekenner
Das relativ unbekannte Werk Der vollkommene Pferdekenner wurde 1764 vom Ansbacher Obrist-Hofstallmeister Wolf Ehrenfried von Reitzenstein herausgegeben und dem Markgrafen Carl Alexander gewidmet. Der oder die eigentlichen Verfasser der Texte konnten bisher nicht widerspruchsfrei ermittelt werden, könnten aber unter anderem dem Umfeld der fürstlichen Stallungen entstammen.
Das als praktisches Handbuch gedachte Werk „Der vollkommene Pferde-Kenner“ beschreibt im ersten Band die Anatomie des Pferdes, seine Gangarten, Farben und die Pferderassen, gibt Tipps für den Pferdekauf, erläutert die Ausbildung von Pferd und Reiter, Unarten und Krankheiten der Vierbeiner, widmet sich dem Zubehör des Pferdes (Sattel, Zaumzeug) sowie dem Beschlag (Quelle: schloesserblog.bayern.de). Das Werk beschreibt in Hinblick auf die Aufzucht von Jungpferden, dass es nach der Fohlengeburt hier üblich war, die Stute mit dem Fohlen so lange im Stall zu lassen, bis sie sich erholt hat und wieder zu Kräften gekommen ist. Der richtige Zeitpunkt für das Absetzen wird hier auch thematisiert. Es wirkt, als hätte der Autor den diesbezüglichen Absatz bei de la Guérinière abgeschrieben. Dasselbe gilt für das Aufstallen nach dem Absetzen, das Anbinden, das Putzen etc. Der Hinweis, dass die Krippe nicht zu hoch hängen darf, wird hier noch ergänzt durch die Überlegung, dass eine zu tiefe Krippe dem Pferd beibringen würde, den Kopf tief zu halten, was ebenfalls als schädlich betrachtet wird. Das Anbinden ab dem Alter von dreieinhalb Jahren soll ausschließlich mit einem Strick und nicht mit einer Kette erfolgen, damit man dem Jungpferd sofort helfen könne, wenn es sich im Strick verfangen sollte. Auch in Ansbach wird wie in Frankreich der Schweif junger Pferde geschoren. Je häufiger man dies mache, desto schöner würde er nachwachsen.
Fazit
Auch die alten Stallmeister waren sich nicht ganz einig, was die Aufzucht der Pferde anbetraf. Und dass früher alles besser war, lässt sich nicht unbedingt bestätigen. Von altersgemischten Pferdegruppen (die zu einem besseren Sozialverhalten und einem größeren Grundvertrauen des Pferdes führen) ist bei den hier untersuchten Reitmeistern leider lediglich in Hinblick auf die Stuten die Rede. Außerdem wird zumindest seit der ausgehenden Renaissance darauf gesetzt, die Pferde im Winter im Stall zu halten. Die aufgeführten Gründe dafür sind nicht immer pferdegerecht. Sofern mit dem Stall lediglich ein Unterstand gemeint ist wie bei de Andrade, kann diese Form der Aufzucht aber schon als sehr artgerecht gewertet werden. Viele Praktiken unterlagen zur Zeit der alten Meister noch Irrglauben oder Aberglauben (z. B. das Jungpferd wird durch Hafer blind). Diese Annahmen beruhten aber häufig auf Beobachtungen, die sicher auch für uns heute noch sehr interessant sind, wie etwa jene, dass einem Jungpferd, das ganze Haferkörner frisst, die Augen tränen können und sich sein Gebiss eventuell schneller abnutzt. Auch die Hinweise aller Autoren, dass frisches Gras im Frühjahr gefährlich für Jungpferde ist, zeigt, dass die Zusammenhänge zwischen dem Stoffwechsel des Pferdes und dem Wachstum des Grases schon damals in gewisser Weise Berücksichtigung fanden. Den Autoren war außerdem schon die Bedeutung des Klimas in Hinblick auf die verschiedenen Pferderassen und deren Fütterung bewusst.
François Robichon de la Guérinière
1751 erscheint Ecole de Cavalerie von François Robichon de la Guérinière. Auch sein Werk enthält ein Kapitel, das sich explizit auf die Aufzucht von Fohlen und Jungpferden bezieht. Viele Ansichten scheint er von Newcastle übernommen zu haben. Auch er ist der Ansicht, dass ein spätes Absetzen eher negative Auswirkungen auf ein Fohlen habe. Dabei geht er sogar noch einen Schritt weiter als Newcastle und beurteilt das Absetzen im Alter von zehn oder elf Monaten schon als nachteilig für das junge Pferd. Dabei präzisiert er, dass Pferde, die länger bei der Mutter blieben, zwar größer würden und kräftiger, dass ihre mit sechs oder sieben Monate abgesetzten Kameraden jedoch ein deutlich lebendigeres Naturell hätten und ihre Körper sich vorteilhafter entwickeln würden.
In Bezug auf das Aufstallen nach dem Absetzen sind sich Newcastle und de la Guérinière fast wortwörtlich einig. Hier erklärt de la Guérinière dem Leser jedoch, dass die Jungpferde vor dem 30. Lebensmonat nicht angebunden werden dürfen. Auch er hält das Putzen und Berühren des Jungpferdes für schädlich, da die Körper der Jungpferde noch zu empfindlich dafür seien. De la Guérinière schreibt ebenfalls, dass zu hoch angebrachte Krippen schädlich seien und dass die Pferde bei schönem Wetter an die frische Luft kommen sollten – wobei darauf geachtet werden soll, dass die Umgebung gesichert ist, sodass sich kein Pferd verletzt.
Er füttert die Jungpferde morgens und abends mit gemahlenem Hafer oder gemahlener Gerste, die mit Kleie versetzt wird. Dazu könne man ihnen auch ein wenig Heu geben. Das solle aber sehr fein sein. Im Frühjahr wird dieses Futter wieder abgesetzt, wenn die Pferde wieder aufs Gras dürfen. Dabei achtet auch er darauf, dass das Gras zu diesem Zeitpunkt schon hoch gewachsen und kräftiger ist, da er sonst fürchtet, dass die Pferde einen schlaffen Bauch bekommen, woran sie sogar sterben könnten. Diese Passage ist offenbar ein Hinweis auf Magen und Darmprobleme durch junges Gras (Kotwasser, Blähungen, Durchfall), wie wir sie heute auch zu vermeiden versuchen.
Im Alter von einem Jahr werden den Jungpferden die Schweife geschoren, damit sie später kräftiger nachwachsen. Im Alter von 30 Monaten beginnt de la Guérinière, sich stärker mit den Fohlen zu beschäftigen. Nun werden sie an ein Halfter gewöhnt, man bringt ihnen bei, angebunden zu stehen, sich putzen zu lassen und sich so behandeln zu lassen wie die älteren Pferde. Dazu gehörte offenbar auch das Eindecken.
Zu diesem Zeitpunkt dürfe man auch anfangen, die Pferde mit ganzen Haferkörnern zu füttern, was vor diesem Alter eher schädlich für das Gebiss des Pferdes sei. Ein großer Unterschied zu Newcastle ist bei de la Guérinière das Alter, in dem er die Pferde anreitet. Zwar beginnt er auch, je nach individuellen Gegebenheiten, zwischen drei und dreieinhalb Jahren mit der Vorbereitung auf das Leben als Reitpferd (Sattel auflegen, später den Sattelgurt vorsichtig schließen, einen ausreichend langen (!) Schweifriemen auflegen, die Kandare ins Maul legen, alle vier Hufe täglich aufnehmen und darauf klopfen, als wolle man ein Eisen festnageln, und schließlich im Stand jemanden auf- und absitzen lassen, am Kappzaum longieren). Er weist aber darauf hin, dass ein Pferd vor dem Alter von fünf Jahren nicht geritten werden sollte, da es zuvor noch nicht stark genug wäre.






Die Stuten werden zur Fütterung im Stall angebunden, so wie es auch schon im Barock üblich war. (Foto: Agnes Trosse)
Das trockene Futter auf der Weide animiert die Pferde zum Trinken. Alle Reitmeister weisen darauf hin, wie wichtig eine ausreichende Wasseraufnahme für die Entwicklung des Pferdes ist. Hier Pferde in der Yeguada Militar in Spanien.
(Foto: Agnes Trosse)
Noch heute wird in Portugal nach den schon seit Jahrhunderten geltenden Prinzipien vorgegangen. Hier im Bild Absetzer in Alter do Chão kurz vor St. Martin, das traditionell auch Anlass für die Feira da Golegã ist. (Foto: Agnes Trosse)
